IFF-Blog: Fußballfans und sozialwissenschaftliche Theorie

Im folgenden Blog sollen in regelmäßigen Abständen Bezüge zwischen wissenschaftlichen Theorien und den Vorgängen rund um Fußballfans kurz und verständlich (sowie nicht akademisch-formal) ausgeführt werden. Durch diese kurzen Beiträge soll so sowohl die Forschungsarbeit des IfF transparenter werden als auch der Diskurs mit interessierten Forschenden gesucht und Nicht-WissenschaftlerInnen ein Einblick in bestehende theoretische Ansätze gegeben werden.


1. Fußballfans und der Labeling-Approach – oder, wer bestimmt eigentlich, was richtig oder falsch ist?

„The young delinquent becomes bad, because he is defined as bad“ (Tannenbaum, 1953, S. 17).

Beginnen möchte ich mit dem Labeling Approach (Etikettierungsansatz), der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, verbunden mit Namen wie Becker oder Goffman, in den wissenschaftlichen Diskurs eingespeist wurde. Im Zentrum der Theorie steht der Gedanke, dass abweichendes oder negativ bewertetes Verhalten nicht per se existiere, sondern erst durch die Gesellschaft selbst definiert und hervorgebracht werde. Dabei wird explizit der Bezug zur Gesellschaftstheorie nach Marx gesucht, in der sich dieser intensiv mit den Klassen und Schichten einer Gesellschaft und Möglichkeiten von deren Überwindung (z.B. Klassenkampf) beschäftigt und insbesondere Kritik an sozialer Ungerechtigkeit formuliert.

Der Labeling Approach fokussiert in diesem Spannungsfeld vor allem die Auswirkung von gesellschaftlichen Kategorisierungsprozessen, z.B. die Einteilung in soziale Schichten. So beeinflusst beispielsweise das gesellschaftliche Label „Arbeiterkind“ die Berufswahl eines so bezeichneten Menschen, dessen Ausbildung und gesellschaftliches Ansehen. Die dauerhafte Etikettierung eines Menschen kann, der Theorie folgend, im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung zur tatsächlichen Rollenübernahme führen.

Im Kontext Fußballfans kann der Labeling Approach recht gut Erklärungsansätze für mögliche Folgen öffentlicher Panikmache und unseriöser Berichterstattung sowie dauerhafter Stigmatisierung und Kriminalisierung von Fußballfans liefern und diese theoretisch begründen.

Denn das Label „Gewalttäter Fußballfan“ kann unter anderem folgende Auswirkungen haben:

  • Die dauerhafte Stigmatisierung von Menschen als „Gewalttäter“ kann im Extremfall und bei fehlenden Möglichkeiten der Richtigstellung bzw. bei Missachtung von Versuchen einer Berichtigung zur Rollenübernahme oder Kokettieren mit dem Label führen. Getrau den Mottos „Ist der Ruf erst ruiniert…“ oder „Ich kann es nicht ändern, also bediene ich das Klischee“ fühlen sich Fans so teilweise in bestimmte Verhaltensmuster quasi hineingedrängt bzw. spielen mit den entsprechenden Vorurteilen.
  • Ein beständiges publikes Gleichsetzen von Ultras mit Gewalttätern verursacht auch eine gesteigerte Attraktivität der Gruppen für gewaltaffine Menschen, die dann versuchen, sich anzuschließen. Dies wiederum führt zu einer Stärkung radikaler Kräfte innerhalb der Gruppen und verstärkt somit wieder das Label.

Fazit: Sicherlich dürfen die beschriebenen Auswirkungen der Etikettierung von Fußballfans nicht überbewertet und über die Selbstverantwortung jedes einzelnen Menschen gestellt werden. Dennoch liefert der Labeling Approach in diesem Kontext einen bezüglich des öffentlichen Umgangs mit Fußballfans mahnenden und gleichzeitig wissenschaftlich begründeten Ansatz, der Anlass zum Nachdenken über bestehende stigmatisierende Verfahrensweisen liefert und durchaus eine Brücke zwischen Wissenschaft und Lebensalltag zu schlagen vermag.


Weiterführende Literatur:
Becker, H.S. (1973). Aussenseiter : zur Soziologie abweichenden Verhaltens. Frankfurt: Fischer.
Goffman, E. (1992). Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität (10. Aufl.). Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Sack, F. (1972). Definition von Kriminalität als politisches Handeln: der labeling approach. Kriminolo-gisches Journal, 4 (1), 3–31.