Erstes Kolloquium des Instituts für Fankultur

Im Lichte der Ergebnisse des Sicherheitsgipfels, den das Bundesinnenministerium gemeinsam mit den Vertretern des DFB und der Vereinsvertreter aller Clubs der ersten drei Ligen durchgeführt hatte, trafen sich an der Universität Würzburg mehr als 20 Wissenschaftler verschiedener Disziplinen zum ersten interdisziplinären Forschungsseminar des Instituts für Fankultur. Aktuelle Fragen und Probleme der Fußballfans wurden aus der Perspektive von Politik-, Wirtschafts- und Sportwissenschaftlern, Theologen, Ethnologen, Soziologen, Juristen und anderen Wissenschaftlern thematisiert. Die anwesenden Forscher haben eines gemeinsam: Sie widmen sich in ihrer Arbeit den Hintergründen der gegenwärtigen Fankultur. In den Vorträgen und Diskussionen ging es demzufolge um den Fußball, dessen Fans, den Umgang mit Gewalt und Leidenschaft, aber auch dem fußballbezogenen Kommerz, Zusammenhängen zwischen Fußball und Gesellschaft sowie der Politisierung im und durch Fußball. Allesamt Themen, die die Diskussion um unsere aktuelle Fankultur charakterisieren.

Das gemeinsame Zwischenfazit aller Anwesenden war nach den ersten Vorträgen und Diskussionen schnell gefasst. Der Leiter des Instituts für Fankultur, Prof. Dr. Harald Lange (Würzburg) brachte es folgendermaßen auf den Punkt: „Wir brauchen nichts dringender als verlässliches und wissenschaftlich abgesichertes Wissen zu den Hintergründen der Fankultur“. (…) „Vor allem dann, wenn Politik und Polizei regulierend in das Geschehen in den Stadien eingreifen wollen. Wir wissen immer noch viel zu wenig über die Ursachen von Jugendgewalt in den Fanszenen und den Beweggründen der aktuellen Fankultur.“ Und vieles von dem was wir wissen scheint immer noch nicht in der Politik angekommen zu sein. So werden beispielsweise Ultras - trotz besseren Wissens - bedauerlicherweise immer noch mit den Hooligans und deren Zielen gleichgesetzt. Auch weil zu wenig über die Werte und Normen, aber auch über die Arbeit innerhalb der verschiedenen Ultragruppen bekannt ist.

Ultras in der Arabischen Revolution
Am Beispiel der Arabischen Revolution stellte der Gastreferent James Dorsey (Universität Singapur) die Rolle der Ultras als politische Kämpfer heraus. Dorsey, der als investigativer Journalist zwei Mal für den Pulitzer Preis nominiert wurde und seit Jahrzehnten aus den Krisengebieten des mittleren Ostens berichtet, fand in seinen Recherchen vor Ort zahlreiche Belege mit denen er die Bedeutung der Ultras für das Gelingen des Aufstands in Ägypten belegen konnte. Unter den ägyptischen Ultras gibt es engagierte und charismatische Köpfe, die gut organisiert sind und die es verstehen mit den neuen sozialen Medien umzugehen. Sie schafften die Mobilisation der Massen. Die Reichweite der Befunde Dorseys betreffen den gesamten Mittleren Osten und Nordafrika. Die Diktatoren wussten um die Kraft und Wirkung des Fußballs und der Ultras, weshalb sie gleich in den ersten Tagen der Unruhen jeweils prophylaktisch den Spielbetrieb im Fußball stilllegten.

Fankultur als Indiz gesellschaftlicher Entwicklungen
Inspiriert durch das Beispiel der internationalen Politik diskutierten die Wissenschaftler die gesellschaftliche Relevanz der Fankultur in Deutschland. Rudolf Oswald (München) verwies in seinem Vortrag auf die historische Perspektive und beleuchtete die Gewaltpotenziale in der Fankultur der zwanziger und dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Auch damals wurde gepöbelt und geprügelt, ohne das es den politisch Verantwortlichen gelingen konnte die Gewalt durch Verbote und andere Repressionen von den Fußballplätzen fern zu halten. Boris Haigis (Würzburg) lenkte die Aufmerksamkeit auf die (neuen) Medien und zeigte die Kommunikationsstrukturen innerhalb der Ultra- und Fanszenen am Beispiel einer Vielzahl von Fanmagazinen auf. Peter Czoch (Berlin) und Steven Adam (Bochum) beleuchteten in ihren Präsentationen die Zusammenhänge zwischen der aktuellen Fankultur und gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen. 
In den Diskussionen zu den aufgeworfenen Problemlagen kristallisierte sich das Phänomen der Kommerzialisierung des modernen Sports als Kernproblem heraus. Diese Problemlage bewirkt durchaus neue Formen der Politisierung junger Menschen. Gegenwärtig entdecken jugendliche Fußballfans den Wert von Traditionen und verhalten sich gegenüber den Neuerungen im Fußball und dessen Professionalisierung weitaus zurückhaltender als das in früheren Generationen der Fall gewesen ist. Viele Jugendliche Fußballfans denken in dieser Hinsicht viel konservativer als ihre Eltern und Großeltern es jemals gewesen sind. Mit Blick auf das Engagement und die Potenziale, aber auch in Hinblick auf die Interessen, Kompetenzen und den Bildungsstand vieler dieser neuen Fanszenen scheint es mehr als zweifelhaft ob sich die aktuellen Probleme im Umfeld der Fankultur mithilfe repressiver Maßnahmen, wie z.B. dem Aussprechen von Verboten, polizeilicher Gewalt oder der zunehmenden Kontrolle lösen ließen.
Die in der Würzburger Tagung herausgearbeiteten Ergebnisse werden in den kommenden Monaten weiter bearbeitet, so dass die Forschergruppe bereits zu ihrem nächsten Kolloquium die Fortschritte präsentieren kann.

Kontakt
Prof. Dr. Harald Lange, T:  (0931) 31-80283 oder 31-86501

Mo, 23.07.2012

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